Pool der Emotionen

Johannes Wielands Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise im Tanzstück “You will be removed” am Staatstheater Kassel

Ein kühler, nackter Ort der an ein Schwimmbad erinnert. Das Becken ist nicht mehr mit Wasser gefüllt und der Sprungturm wirkt ungleich höher und bedrohlicher, ohne das nasse Element. Vielleicht will in diesen Tagen auch niemand mehr schwimmen gehen, weil wir die Fernsehbilder ertrinkender Menschen im Mittelmeer im Kopf haben, denke ich mir im Stillen. An beiden Seiten führen steile Treppen in das Becken. Hier und da stehen Stühle, ein Sessel, eine Matratze, eine Palme, ein Einkaufswagen. Das beeindruckende Bühnenbild von Momme Roehrbein für Johannes Wielands Tanzabend “You will be removed” dominiert den ganzen Abend. Die Körper der Tänzer rutschen erschöpft die Treppen hinunter ins Becken. Kraftlos, hilflos, die Glieder scheinen zu schmerzen. Manche Körper könnten bereits nicht mehr am Leben sein. Kaum auf dem Grund des Beckenbodens angekommen, bemühen sich die Tänzer, die Treppen wieder zu bewältigen, und gleiten erneut hinab. Der Vorgang wiederholt sich. Die dominierende Farbe ist weiß. Man könnte sich auch in einer Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung oder in einem Behördengebäude befinden, wenn man den Sprungturm ausblendet. Bei genauer Betrachtung der Tänzer fallen die eleganten Kleider und guten Hosen auf. Hier wird in schicken Stöckelschuhen und modernen Sneakers getanzt, nicht in Flipflops. Nichts ist dreckig oder zerrissen. Natürlich spielen Choreograph Johannes Wieland und seine Kostümbildnerin Stefanie Krimmel mit den Symbolen des Kapitalismus, unserer Medienwahrnehmung und der anhaltenden Diskussion, ob nicht die Flüchtlinge die im Moment nach Europa kommen, eher Wirtschaftsflüchtlinge sind (ein Argument, dass man besonders in Deutschland dieser Tage oft hört). Musik und Situation ändern sich von Szene zu Szene. In unzähligen Variationen finden die Tänzer Möglichkeiten an den Wänden aus dem Becken zu klettern, wieder ins Becken hinein zu springen oder einarmig am Sprungbrett zu hängen. Akustisch nicht immer verständliche Texte unterstreichen die inhaltliche Auseinandersetzung. Da behauptet eine junge Frau in einer Szene sie sei zu einhundert Prozent physisch und psychisch in Ordnung und könne einen Beitrag für diese Gesellschaft leisten, obwohl sie gerade auf dem Sprungbrett am Abgrund steht. In einer anderen Szene geben Männer von sich alles ist real, echt, rein, man solle bloß nichts mischen…Koks, Seide, Rasse, Sex. Michael Jacksons Hit Black or White wird als Nummer ebenfalls eingeflochten. In den besten Momenten an diesem Abend ist die Energie, die das Ensemble freisetzt, unglaublich hoch und erinnert an die Arbeiten von Lloyd Newson oder Wim Vandekeybus. Wieland zitiert sogar die Arbeit “What the body does not remember” von Vandekeybus, aber statt der gefährlichen Ziegelsteine werfen die Tänzer bei ihm Schuhe und andere Alltagsgegenstände in die Luft. Ein Risiko einzugehen ist ein wichtiges Thema in dieser Arbeit, denn es funktioniert als Metapher dafür, dass auch die Flüchtlinge Risiken eingehen, wenn sie ihre Heimat verlassen. Sie wissen nicht, was sie auf der Flucht erleben und wo sie in Europa unterkommen oder gar ankommen werden. Wieland fordert den Körpern viel ab und bringt seine Tänzer mit den zum Teil gewagten akrobatischen Einlagen bewusst in Gefahr. Sie scheinen die Herausforderung zu genießen, bieten tänzerisch alle waghalsigen Sprünge an, die sie in der Lage sind auszuüben, und machen den Zuschauer gerne glauben: „Schaut her, ist doch alles ganz easy. Ich arbeite wie verrückt und das ist das Ergebnis.“ Und doch ist es nie gut genug!? Finden wir nicht immer etwas, was wir an den Neuankömmlingen auszusetzen haben? Die Medien fluten unsere Gedanken, so wie Johannes Wieland an diesem Abend unsere Köpfe mit irre schnellen und komplexen Bewegungsabläufen flutet. In Erinnerung bleibt eine Szene in der die Musik so laut wird, dass man das Gefühl hatte es würde über einem gleich das Dach des Theater einstürzen. Insgesamt ein gelungener Versuch der tänzerischen Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema, wenn auch die eingestreuten Performanceszenen bisweilen zu lang waren. Vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass die Bewegungssprache weniger schön und sexy, weil das nicht zum Thema Flüchtlingsproblematik passt.

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