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Zieh frei und zügig weiter – Unterwegs in Greifswald und Europa

Dreieinhalb Tage voller Impulse und Diskussionen. So international waren die Podiumsdiskussionen und Workshops selten besetzt, so jung war die Konferenz noch nie und so viel Englisch wurde selten gesprochen. Rundherum gute Tage, wenn es auch nicht die beste DG-Konferenz war, die ich bis jetzt erlebt habe. Das lag nicht an den Themen, sondern eher an der subjektiv wahrgenommenen fehlenden Mischung von erfahrenen älteren und jüngeren Kollegen, was wiederum sehr davon abhängt, welche Workshops man wählt. Bei den Workshops hatte ich diesmal kein so glückliches Händchen und war etwas enttäuscht. Rundheraus: Worum ging es in 3 Sätze? Es ging um eine Analyse Europas von den Rändern her und die Frage, wie künstlerische Projekte zum Widerstand beitragen können. Es ging um aus unserer Perspektive problematische politische Entwicklungen in Polen, Ungern, Österreich und der Türkei. Und es ging darum ein Greifswalder Manifest zu schreiben.

Wichtig für mich waren Maxi Obexers Beobachtungen, dass Europa, diese uns umgebende Komfortzone, zwar überall präsent ist, aber doch nicht wahrgenommen wird. Das die Freizügigkeitsbescheinigung die EU-Bürger haben nahelegt „zieh frei und zügig weiter“, als dass sie mich bei meinen Reisen und Lebensabschnittsstationen in einem anderen europäischen Land dazu ermuntert anzukommen. Diese Erfahrungen habe ich während meines Studiums in Frankreich gemacht. Europa: supi, komm als Erasmusstudent gerne zu uns, aber du bist hier Gast…wozu brauchst du ein Bankkonto hier…du kehrst doch bald wieder zurück nach Hause. Dort wo ich als EU-Bürger offen darüber nachdenke, dass ein europäische Pass doch cool wäre und wir die nationalen Pässe doch abschaffen könnte, stoße ich relativ schnell auf Kopfschütteln. Was also kann und soll Europa sein? Wie soll Europa in 100 Jahren aussehen. Welche Revolutionen werde ich erlebt haben. Wie recht Maxi Obexer hat, wenn sie schreibt: Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr die Durchlässigkeit der Grenzen auch eine Durchlässigkeit im Denken herstellt. Derzeit werden die Grenzen wieder verstärkt.

Viele junger Künstler aus der Türkei, Polen und Ungarn haben uns haarsträubende Zustände in ihren Ländern geschildert. Von einem Steuersatz von 38 % auf Theatertickets in der Türkei und unendlich vielen Theatern, die in Istanbul in den letzten Jahren geschlossen wurden, über Zensur, Selbstzensur bis hin zu Hafterfahrungen und Wegen ins Exil. Was uns wirklich verbindet, haben wir uns in diesen Tagen oft gefragt. Ganz unverrückbar im Zentrum steht die Anerkennung der Menschenrechte und die Übernahme der Verantwortung für die Vergangenheit. „Like it or not: it’s your fucking buisness to pay attention to what happens in your neighborhood.“ And: think global, but act local!   

Greifswald ist eine sympathische Stadt. 60.000 Einwohner, davon 10.000 Studenten, aber  16 % haben die AFD gewählt. Der Bürgermeister hatte kein Interesse daran zur Eröffnung der Konferenz ein Grußwort zu halten und er hat auch keine Grußworte ausrichten lassen. Die Theaterstrukturdebatte nervt wohl alle. Immerhin: die Theaterkollegen vor Ort nehmen die verfahrene und fatale kulturpolitische Situation (die Theaterfusion zwischen Greifswald/Stralsund und Neustrelitz/Neubrandung ist just vor 10 Tagen nach drei Jahren Verhandlungen kläglich gescheitert) mit Humor: in der Inszenierung „Der Volksfeind“ erscheint neu eingearbeitet die Schlagzeile: „Theaterfusion ein Erfolg. Lübeck will auch!“ Fake News, die nur der Zuschauer als solche erkennt, der mit offenen Augen seinen lokalen Alltag bestreitet. Theaterspielen im Ausnahmezustand ist im Nordosten der Republik normal. Es wurde dazu aufgerufen, sich um die Gewinnung der Unentschlossenen (84%) zu bemühen, statt die Gegner auf der rechten Gesinnungsseite (16 %) überzeugen zu wollen. Ein wichtiger Hinweis, denke ich! Die AFD-Fraktion in Potsdam hatte 2016 versucht das Theaterstück: „Illegale Helfer“ von Maxi Obexer verbieten zu lassen und ist damit gescheitert, weil der Aufruf zum Gesetzesbruch innerhalb einer künstlerischen Arbeit noch keinen Gesetzesbruch an sich darstellt. Die Debatten zum öffentlichen Gewissen können auf deutschen Bühnen weiterhin stattfinden, während sich die Situation in anderen Ländern gerade akut ändert. Aus 18 Länder berichteten eingeladene Künstlern von ihren zum Teil sehr kritische Erfahrungen / Arbeitsbedingungen und Asli Erdogan, die in der Türkei zuletzt 132 Tage in Haft saß, musste ihre Teilnahme an der Konferenz aus Krankheitsgründen absagen. Elzbieta Matynia hat uns beschrieben, wie Sprache gefährlich werden kann und in ihrer Bestandsaufnahme festgestellt: „Democracy is dying in darkness.“  Als Beispiel beschreibt sie wir sollten uns nur den Gang zum Traualtar vorstellen. Ein Standesbeamter der die Worte verkündet: Sie sind jetzt Mann und Frau. Nur Worte und doch hat sich vom einem auf den anderen Moment alles geändert. Ist die Zeit aus den Fugen, wie Hamlet es seinerzeit ebenfalls feststellen musste?

Seltsame Dinge passieren. In Österreich hat die konservative ÖVP einfach mal eben ein Bündnis mit den Rechtspopulisten der FPÖ geschlossen. Weiß es der 31-jährige und bisher jüngste Regierungschef in Österreich nicht besser. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und sehe mich außerstande, die Komplexität dieser Welt und der gegenwärtigen Entwicklungen angemessen zu erfassen.

Matynia sprach auch über Wahlmöglichkeiten, die die Menschen in die Verunsicherung treiben.

Freiheit und Sicherheit / freedom and security

Freiheit oder Sicherheit / freedom or security

Freiheit von etwas… / freedom from…

Freiheit etwas zu tun / freedom to…

Freiheit der Rede / freedom of speech

Wenn wir uns unsicher sind, wählen wir erstmal Sicherheit. Sie forderte uns auf mehr Fragen zu stellen. Im Fazit sagte sie, dass das Schließen von öffentlichen Räumen ein Verbrechen ist und das ist ein Satz, den man sich merken sollte. Theater sind öffentliche Räume. Soviel zum Fazit des Freitags. Na, da muss ich ja „nur noch“ zwei Tage Review passieren lassen.

 

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Agora workshops

Death by information. I heard so many statements, I joind so many discussions, that I got lost in the flow. How to get out of that misary. Let’s write down thoughts of other people that are important form e in the process.

Kreis

„I’m not a tree.“

„Theater is my homeland.“

„I don’t live in one language.“

„One memory is not enought.“

„I have a plan…dancing on the borders.“

„Theater is a ghost art in my country.“

„We are zero visible.“

„The price of resistance is high.“

„Sometimes there is an explosion.“

„Thos body goes more into the sleep mode.“

„The most brave thing I di das an artist was, that I stoped buying things.“

„Who should be in the center – the artist or the spectator.“

„The question is wrong.“

„I‘m in the center.“

„The body in resistance gets smaller.“

„Im Kreis lässt es sich besser denken.“ (Der Gedanke ist meiner.)

„I can’t do everything by myslef.“

„I wrote to 700 dramaturgs in Germany. None answered.“

We need to ask more questions. I got tired in todays groupe conversations, because we are all so different. The knowledge is diverse…we meet on the basis of language…this is time-consuming. We are running out of time. I offered someone to invest 30 minutes per week to stay in touch for a year and see, if that would be a way to learn more about Hungary. I don’t have a better idea. What will be sustainable about that conference? The Greifswalder Manifest that we wrote today???

Europe is a save thing, right? Nope…

Left the train and got lost in the dark: welcome to Greifswald – a small university town in the far north-east of Germany. Took me about 40 minutes to find the guest appartment and open that little magic black box with the key inside. I’m pretty sure no tourist from abroad would have been able to find out how to do this, because even I had to call the landlord, but hey: we are working on it, right, and the locals are very frendly here. „Just fallow the Ryck and you will get there“ – Ryck meaning water front. Tonight, when I left the theater I got lost again. Where did I came from? This roundabout with five options looked different 4 hours ago. I heard some english people talking about questions of directions as well, so I ask them to help me too, because I don’t have a phone with WLAN. Turned out to be an polish-american women (found out later it was Elzbieta Matynia), who is also here for the conference. Infact, I heard a lot of english on this very first night and that’s cool. They invited a lot of international artists/speakers and I hardly know any of the names on the program. First key note from Maxi Obexer focused on Europe and the European Union. Europe is a save thing, right?! We gave places and bridges the names to assured ourselfs, that Europe is reality…but how do we make sure that Europe is not only a reality in Brussels, but in our everyday lives. Her main thesis was in fact, that we can’t take Europe for granted, but have to work on positive narratives to make it work. Europe is at risk and we see developments in France, Poland, Hungary, Germany…acctually in a lot of countries right now, that people start to proclaim national narratives again with huge success. What do we share as european citicens? We stand in for human rights. We take over responsibility for the past. We opened the borders in the EU. What do we know about our neighbors? Not enough, that’s for sure. Europe is becoming less visible, but we are here to talk, to learn from each other and to share knowledge. Looking forward tot he next few days!  

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PaneL: Resisting Censorship
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Workshop: Agora

“Let’s talk about…” Annual Meeting of the Dramaturgs’ Society

Tomorrow it’s gonna happen again. I will leave my theater office and hop on a train – this time to Greifswald – to join the annual meeting of the Dramaturgs`Society. Unfortunately I will miss the first performance, that’s gonna happen on a train from Berlin to Greifswald (great idea!), because I’m working in the „back province“ of Rostock at the moment, so I catch a train from there and not from Berlin.

Like every year, I did not manage to really do some research on the topic and write down some of my own thoughts jet, but I got a day of on Friday and I’m willing to focus for about 72 hours on the topic: „Dramaturgy of resistence: International artistic positions on freedom and bondage“. „Ah, you might moan – that German girl writing about theater“ and you might wonder (again) „what the hell is a dramaturg anyway?“ A dramaturg is someone who, in one way or another, loves theater, studied theater history (or something related to that), is involved in theater management, might be the right hand of an artistic director and loves to read and to write.

Now think about a weekend, where roundabout a 100 of these people come together from all over Germany to talk about a topic. The results are open, but at least we have time, because we all left our theaters and our every day buisness behind. That is necessary to stop ourself from doing “urgent things” (“the show must go on“), and make up some time to think about important topics and developments in our society. We do it, because we believe that theaters as institutions should talk about and produce shows that reflect the developments and problems of our times. „Ok“ you think „I got this…dramaturgs meeting, easy, – like a think tank or the dead poets society –  and what’s the topic again this year?“ Narrations of resistance and artistic positions on freedom. „Mmmm, that’s a wide field“…guess what, yes, and I have no clue either, but I’m looking forward to find out more about it tomorrow.

Let’s talk about Europe and democracy, freedom of speach (at risk in quiet a few countries), artistic freedom (not so much in Hungary anymore…and what is happening in Poland right now)…I’m most likely the only German girl writing about that annual dramaturgs society meeting in English, so lucky you, that you fallow my blog. Join me the next few days. Share your thoughts and questions or start to find out more about the European Democracy Lab, because Ulrike Guérot, the founder of the lab, will also join our conference. Looking forward to get some new input. It’s like going back to university once a year.  😉

Artus – Tischlos unglücklich

Meine Zweifel begannen schon im Foyer. Der rosa-blaue Felsen mit Schwert wartete darauf, von Zuschauern und Darstellern bespielt zu werden und tatsächlich: die Kunst begann mit einem Bad in der Menschenmenge. „Wer ist eigentlich dieser Merlin“ wurde da geflüstert, und zu welcher Zeit hat sich das alles zugetragen? Merlin (Caroline Dietrich), der Sohn des Teufels, der seinem Vater nicht gehorchen will, sucht einen Fähigen. „Rolf“ und“ Klaus“ aus den Reihen der Premierengäste versuchen, das Schwert aus dem Stein zu ziehen und bekommen so kluge Sätze zu hören, wie: „Rolf, du musst an dich glauben“ und dann die Erkenntnis „Rolf, du bist es leider nicht.“ Bereits nach kurzer Zeit ein unaufhaltsamer Rutsch in die Platitüden, aus denen sich die Inszenierung nicht mehr befreien konnte.

Am Staatstheater Kassel hatte am Samstag „Merlin oder Das wüste Land“, von Tankred Dorst 1979 geschrieben und hier in der Regie von Marco Storman zu sehen, Premiere. Gleich vorweg: das Buch kenne ich nicht, aber die Inszenierung war technikverliebt, langatmig und bewegte sich inhaltlich auf dünnem Eis. König Artus, der Auserwählte, fürchtet sich vor der großen Aufgabe König zu werden, klagt er habe nicht genug Vorstellungskraft und rennt in den Zuschauerraum. So flehend: „ich kann nicht vorausschauen…ein König muss doch vorausschauen können“ und zögerlich wie ihn Jürgen Wink spielt, glaubt man ihm das immerhin sofort. Die nächsten fünfzehn Minuten vergehen damit, dass man als Zuschauer bei lauter Musik seinen Sitzplatz einnimmt, sich fragt, was einem die Projektionen erzählen (sollen) und das treiben der Darsteller in diesem vollgestellten Bühnenraum, der seitlich in den Zuschauerraum hineinragt, beobachtet. Da werden Körper vermessen und wird allerlei hin und her sortiert.

Das Bühnenbild von Demian Wohler ist ein großer pompöser Akt, der im Fazit aber leider wenige Spiel- und Wandlungsmöglichkeiten bietet. Da gibt es große und kleinerer Bildschirme überall verteilt – für spätere Videoliveschaltungen und Filmeinspielungen von Schlachtszenen – , silberne Regale die ein Kuriositätenkabinett bilden, ein DJ-Pult rechts und oben mittig eine grelle Neonröhren-Beleuchtungsanlage. Verkehrt herum im Mantel steckend, bittet König Artus darum, dass man ihm einen Tisch baue, wird gerätselt wie groß ein Tisch für 100 Ritter sein müsste und philosophiert, was die Vorteile eines runden Tisches sind – “einem Tisch an dem alle gleich sind”.  „Glauben sie an den Fortschritt…es gibt Tischregeln.“ So sehr ich mir Mühe gebe, mein Glaube an die Kraft dieser Inszenierung beginnt zu schwinden. Statt den Tisch bauen zu lassen, heiratet Artus Ginevra, weil diese als Mitgift einen passenden Tisch mit in die Ehe einbringt.  Gespielt wird die Königen von Eva-Maria Keller, die an diesem Abend einige Regieeinfälle über sich ergehen lassen muss und am Ende halb nackt und hilflos von Parizival/Mordred (in beiden Rollen verschmolzen Marius Bistritzky), dem unehelichen Sohn Artus –  der zwar an das Gute in sich glauben will, sich aber von seiner Wut zum zweiten Mal übermannen lässt und zuvor seinen Vater kaltblütig ermordet hat, sexuell belästigt wird. Der eigentlich interessante Handlungsstrang rund um Ginevras leidenschaftlicher Affäre zu Sir Lancelot (Lukas Umlauft), dem treuen Freund des Königs, wird zwar erzählt, geht aber in den Albernheiten der Szenen unter. Der Männerbund der Tafelrunde, der sich in der Politik ja doch irgendwie fortsetzt, wurde (leider?) gleich gänzlich gestrichen. In Aktualisierungen kann man sich zugegebenermaßen ebenfalls schnell verrennen, aber vielleicht hätte das Thema doch etwas zum Inhalt beitragen können?!

Schließen wir mit Artus Gedanken: „Werden Ideen auch alt?“ Leider ja, und die Regie sollte Castorfs Stil nicht gedankenlos fortführen, ohne ein klares Ziel zu verfolgen. „Der Löwe frisst Gras.“ Nun ja… was genau Artus damit meint, weiß er selbst nicht. Es sei nur ein spontaner Einfall gewesen. Das lässt sich leider ebenfalls auf das Regiekonzept übertragen. Die viel zu lauten, langen filmischen Szenen, den Theaternebel und den mit meinen Augen gesehenen blauen Kuschelkaktus mit gelben Stacheln – in Wahrheit ist es ein Zwergplanet, aber was ist schon die Wahrheit – lasse ich unkommentiert. Was solls. Alles nur Einfälle, die eben nicht gezündet haben. Ich will der Kunst keinen Sinn aufzwängen, aber dass die Kritik keinen Hehl daraus macht die Langeweile zuzugeben, mag mir die Kunst bitte nicht übel nehmen.

Weitere Vorstellungen am 19.01., 20.01., 23.01., 04.02., und 15.02.2018, jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus des Staatstheaters Kassel.

 

Theater der Welt Hamburg 2017

Gleich mal vorne weg: Ein Theaterfestival geht in einer Stadt wie Hamburg an einem sonnigen, verlängerten Wochenende gnadenlos unter. Die Leute quetschen sich auf die nächste Fähre gen Neumühlen und wollen am Elbstrand Bratwurst und Bier genießen oder an den Landungsbrücken Eis schlecken, oder oder oder…wen interessiert es eigentlich, dass hier gerade ein internationales Theaterfestival stattfindet? Sieht jemand die wenigen Plakate und Hinweiseschilder, die ich als theaterbegeisterte Besucherin oft vergeblich gesucht habe?! Ich habe also meinen Sonntag in Hamburg verbracht und mir gute sechs Stunden Theater angeschaut. Los ging es auf Kampnagel mit der Produktion “The Gabriels: Election year in the Life of one Family” des Public Theaters aus New York in der Regie von Richard Nelson. Was wurden da im ersten Teil Zwiebeln, Auberginen und Tomaten geschnippelt für das Ratatouille, Brot in Echtzeit gebacken, Salat gewaschen und angerichtet und Äpfel für den Apfel-Crumbel geschält. Mary Gabriel, gespielt von der wunderbaren Marylann Plunkett, really likes to make things und richtig: “you only learn by doing.” Wir Zuschauer lernen die interessante Nebenhandlung der Beziehungsverstrickungen und Gedanken zur politischen Entwicklung des Landes (USA) also nebenbei kennen, während wir in der Haupthandlung gefüllt selbst die Äpfel für den Crumble schälen. Das ist purer Theaterrealismus, der einen bisweilen einlullt und doch bei Laune hält. Denn man mag sie irgendwie, diese Gabriels, die ganz bodenständig und typisch amerikanisch daher kommen und (doch) etwas zu sagen haben, wenn man ihnen nur lange genug zuhört. Die Mittelschicht hat eine (politische) Meinung, sie wird eben nur oft nicht gehört, weil es erstmal lange Zeit nur um ganz “banalen” Lebensalltag geht, der gemeistert werden will. Im zweiten Teil  werden Nudeln gekocht, Kartoffeln für einen Kartoffelsalat geschält, George Gabriel, gespielt von Jay O. Sanders, macht eine leckere Guacamole und so weiter und sofort…nur gegessen wird nicht! Auch nach 3 Stunden hat noch keiner einen Bissen runter gekriegt. Stattdessen ist das Picknick für morgen vorbereitet und wandert in den vom Zuschauer bereits verhasten großen amerikanischen Kühlschrank (wieviele Zutaten sind da eigentlich drin, verdammt nochmal???). Man redet weiter über den verstorbenen und doch allseits präsenten geliebten Ehemann und Vater Thomas Gabriel. Auf einer Metaeben geht es zudem einerseits um Hillary Clinton und Donald Trump und andererseits Herman Melville und Nathaniel Hawthorne. Was die amerikanische Kultur und ihren Mythos vom Melting Pot im Innersten zusammenhält und/oder doch auch spaltet, bleibt merkwürdig unkonkret. Es ist ihnen fremd, diesen Amerikanern, einen mal vor den Kopf zu stoßen und den theatralen Bruch zu wagen…sie integrieren uns Zuschauer lieber bis zur Unerträglichkeit. Man bleibt dran…man will ja unbedingt verstehen, warum dieses Land so gewählt hat. Die Gabriels, als exemplarische amerikanische Familie, sind eine gute Versuchanordnung auf dem Theater, um die Umstände einiger weniger Menschen in einer so vielfältigen Gesellschaft, wie wir sie in den USA vorfinden, zu beschreiben. Keine Schwarz-Weiß-Malerei, keine Antworten…den dritten Teil konnte ich mir leider nicht mehr geben, weil ich mir im Kakaospeicher “An Act of now” von Chunky Move/Anouk van Dijk angesehen habe. Völlig anderes Theatererlebnis. Visuell überfordern und aufregend. Um die 550 Zuschauer mit Kopfhörern ausgestattet, werden in eine rießige Halle geleitetet. Stimmen flüstern einem Gedanken in die Ohren, während man sich mit der dunkel gekleideten Theatermasse durch den Nebel bewegt. “Don’t panic.  Don’t panic! You have to aks permission.” Nach einer kurzen zurückgelegten Strecke ist um die Ecke ein Glashaus zu sehen. Dahinter eine Tribühne von Stühlen, auf denen wir Platz nehmen sollen. Nun also doch eine Beobachterposition einnehmen, die eine klare Trennung zwischen Akteuren und Zuschauern formuliert. Schade. Es folgen Eineinhalbstunden energiegeladener Tanz von sieben Tänzer/innen in einem relativ kleinen Glashaus, zu dem ich als Zuschauer über meinen Kopfhörer einen vermeintlich “direkten” Draht habe. In den stärksten Momenten wirken die Tänzer/innen wie in extreme Bewegungen versetzte Kieselsteine, die im Treiben der Wellen immer wieder an Land gespült werden. Kopf, Arme und Beine drehend und sich im Kreis in einer Drehbewegung fortbewegend. In nicht enden wollenden Zirkeln aus Sprüngen und Hebungen in einem sehr begrenzten Raum, in dem jeder auf den anderen achten muss. Der Einsatz des Lichts und die an der linken Seite der Fabrikhalle erzeugten Schattenreflektionen der Tänzer/innen erinnern plötzlich an die Trainingssituation im Tanzstudio, bei der sie sich abmühen und doch nur Schatten ihrer selbst sind. Tänzer/innen die nicht als Individuen und Künstler wahrgenommen werden, sondern als bloße Körper. Körper, die als Grundlage das Material bilden, mit denen sich ein Choreograf auszudrücken versucht. Gesichter, die sich an die Glasscheiben des Hauses drücken und schreien, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Mehrmals habe ich meine Kopfhörer beiseite geschoben und überprüft, was mir die Realität erzählt…was höre ich in dieser Halle…wie direkt kann ich die sich abarbeitenden (Tänzer)Körper wahrnehmen. Verfalle ich zu sehr der Kraft der Dramaturgie der Tonspur(en)? Wie verhält es sich hier mit “Innen” und “Außen” und wann bin ich ausgestiegen und hatte sich der Effekt überholt? Denn so war es…Fragen über Fragen.

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Workshop mit den Kulturfritzen

Ich wollte gerne noch über einen Workshop mit den Kulturfritzen berichten. Der fand Sonntag Morgen, ebenfalls im Rahmen der Konferenz Theater und Netz Vol. 5 statt. Das tolle an so einen Praxisworkshop, für den man nur eine Stunde Zeit hat und bei dem ganz unterschiedliche Leute zusammenkommen, ist, dass man in minimaler Zeit, den bestmöglichen Output anstrebt. Man spinnt einfach mal, was möglich wäre, wenn keiner sagt: “Nee…zu teuer, zu zeitaufwendig, wer soll das machen…” Die Intro der Kulturfritzen, alias Anne Aschenbrenner & Marc Lippuner, war deshalb kurz und knapp und an unserem Tisch haben wir im Fünferteam ergebnisorietiert eine kleine Projektidee entwickelt. Bereits am Samstag hatten andere Teilnehmer verschiedene Punkte gesammelt, die sich verschiedene Akteure (Publikum, Marketing, Blogger, Theatermacher) wünschen. Die Marketingabteilung z.B. wünscht sich mehr Diskurs, die Zuschauer wünschen sich einen einfachereren Kartenverkauf, die Blogger wünschen sich kreative Kooperationen und die Schauspieler/innen wünschen sich, dass mehr über sie gesprochen wird. Zummindest waren das die Antwortkarten, die uns zum arbeiten zugeteilt wurden. Dazu drei Kanäle: Facebook, Instagram und Playbuzz. Playbuzz kannt keiner von uns und dieses Kärtchen haben wir beiseite gelegt. Lektion 1: Nutze keine Kanäle, deren Funktionsweise Du nicht kennst. Also dann, wie stellt man das an? Unsere Aufgabe war es, innerhalb von 15 Minuten unter Verwendung von Facebook und Instagram einige Ideen zu entwickeln, welche diese Wünsche verwirklichen (könnten). Nicht so einfach. Wir haben uns dann ausgedacht, dass wir gerne verschiedene Blogger aus der Beauty- und Fashionszene einladen wollen, verschiedene Produktionen vorab exklusiv zu begleiten, um darüber zu berichten. (Die Kollegin vom Schauspiel Zürich konnte über interessante Erfahrungen berichten!) Ganz im Sinne kreativer Kooperationen und mehr Diskurs. Den einfachen Kartenverkauf könnte man evt. über Last-Minute-Kontingente via facebook einlösen. Auch eine “Blinde-Date-Gruppe” auf facebbok fanden wir gut, um Leuten die gerne ins Theater gehen, aber eben nicht allein, zu ihrem Glück zu verhelfen. Außerdem könnten doch Schauspieler/innen auf Instagram selbst Fotos von Proben posten, oder? Dann bestimmen sie endlich mal selbst das Bild und wie sie ins Licht gerückt werden. A la: “Schaut mal: Das ist das Ballkleid, dass ich in unserem neuen Weihnachtsmärchen tragen werde…ist zwar sehr phantasievoll, aber ich weiß nicht, wie ich mich darin bewegen soll.” Wir waren uns einig darin, dass eine Öffnung hin zu neuen Inhalten in den sozialen Medien mit einem (kleinen?) Verlust des geschützen künstlerischen Probenzeitraums einher geht. Es ist dann eben nicht mehr alles bis zur Premiere top secret. Auch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass sich nicht kontrollieren lässt, worüber die Blogger schreiben werden, wenn man sie einlädt. Wie im Journalismus, muss man ihnen diese Freiheit einräumen und daran müssen sich vorallem die Intendanten noch gewöhnen. Denn der Hinweis, dass wir Theatermitarbeiter/innen auf den Kanälen der sozialen Medien so schreiben, als würden die Sachen gedruckt werden, scheint mir sehr berechtig. Das führt dann dazu, dass Ausschnitte aus den Pressemitteilungen bei facebook gepostet werden und das funktioniert einfach nicht. Perfektionismuss macht auf diesen Kanälen ebenfalls keinen Sinn. Da wird über Meinungen/Eindrücke/Geschmack so geschrieben, wie gequatscht wird, und deshalb lesen die Leute es so gern…ganz nebenbei…im Zug, im Bus und in der Pause. Die anderen Teams haben übrigends die Entwicklung von “Visual Walks unter Verwendung von Drohnen” vorgeschlagen (diese Technik ist ja jetzt so günstig verfügbar), die von Zuschauern im Snapchatkanal bespielt werden oder “VR-obt” mit uns, eine VR-Proben-Erfahrung für Zuschauer, damit die auch mal erleben, wie anstrengend Proben sind (VR= Virtuell Reality). Freies Brainstorming ist wirklich eine super Sache. Viel effektiver als nicht endenwollende Sitzungen, in denen sich doch keiner traut mal was Neues vorzuschlagen, weil der Chef die Idee ja blöd finden könnte. Einfach mal machen, nehme ich als Impuls aus diesem Workshop mit. Merci an alle kreativen Teilnehmer, deren Namen ich nicht mehr auf dem Schirm habe. Schön wars!

PS: Playbuzz ist eine Plattform mit der man interaktiv Geschichten erzählen kann.

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Ideen unseres Fünferteams