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On how it is to sell a Newspaper like a homeless person – Selbstversuch als Straßenzeitungs-verkäuferin

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Konferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2016

 

Erfahrungsbericht zum Praxisworkshop Im Stadtraum – Wir machen den Weg frei mit der Berliner Choreografin Helena Waldmann

von Corinna Weber

Stellenanzeige:
“Die Gmunder Festwochen suchen für die Aufführung von Cosi fan tutte professionelle Sänger. Wir können Ihnen leider kein Geld bieten aber eine kostenlose DVD von der Aufführung.”

(Quelle: ARTbutFair)

Im Rahmen der Konferenz der Dramaturgischen Gesellschaft habe ich an einem Praxisworkshop mit der Berliner Regisseurin und Choreografin Helena Waldmann teilgenommen. Ausgangspunkt waren vier von ARTbutFAIR gesammelte, unangemessene (unverschämte?) Stellenausschreibungen, entsprechend dem vorangestellten Beispiel, und der im Januar 2016 von Intendant Christoph Nix in der Süddeutsche Zeitung veröffentlichte Artikel: Bretter, die kein Geld bedeuten. Helena Waldmann richtete zwei Fragen an uns: Wie schwer ist es heute von der Kunst zu leben und wird Kunst als Arbeit anerkannt?

In unserer kleinen Gruppe mit ca. 10 Beteiligten waren wir uns vom Chefdramaturgen bis zum Pressesprecher ziemlich einig, dass viele unserer KollegenInnen (Tänzer, Schauspieler, Dramaturgen) und zum Teil auch wir selbst ganz aktuell am/unter dem Existenzminimum leben. Kunst wird als Arbeit, bedenkt man unsere Universitätsabschlüsse, nicht angemessen vergütet. Ich persönlich würde sogar sagen, dass Kunst als Arbeit von Teilen der Gesellschaft nicht ernst genommen wird. Die Menschen, die Kunst als Arbeit schon irgendwie ernst nehmen und uns glauben, dass wir an der Belastungsgrenze angekommen sind, argumentieren wahlweise mit Sätzen, wie:
„Ja, aber Du wusstest ja, worauf Du Dich eingelassen hast bei der Studienwahl (…)“
„Damit kann man eben kein Geld verdienen, aber immerhin hast Du Freude an der Arbeit.“
oder
„Dann überleg doch mal, ob Du Dir nicht doch etwas anderes vorstellen kannst als Theater. Die Zeiten werden ja nicht besser.“
In solchen Äußerungen schwingen eine Anklage bezüglich der unklugen Wahl des Studienfaches, eine Abwertung der Studienleistungen aufgrund der vermeintlich selbstverschuldeten, problematischen beruflichen Situation und bisweilen eine negative Bewertung dessen, was man zum Wohlstand dieser Gesellschaft und zum Gelingen des sozialen Gefüges beiträgt mit. Wir Künstler liegen den Anderen auf der Tasche?! Ich bin diese Gespräche leid und muss als Dramaturgin wirklich lernen, mich entsprechend Helena Waldmanns Impulsgedanken, wie eine Bankerin zu verhalten und meine Künstler und mich selbst so gut zu beraten, dass wir nie wieder in die Falle tappen Energie, Ideen, Zeit und Nerven zu investieren, ohne nicht selbst dabei Geld zu verdienen. Denn von der Freude an der Arbeit und der Hoffnung auf Anerkennung und Erfolg kann ich meine Miete nicht bezahlen. Ich war in diesem Praxisworkshop also genau richtig.
Helena Waldmann hatte gelesen, dass sich das Klientel von Leuten, die die Berliner Obdachlosenzeitschrift Motz verkaufen zunehmend verändert. Es seinen nicht mehr nur Suchtabhängige oder in anderer Form ausgegrenzte Menschen, die diese Zeitung verkaufen wollen, um sich etwas dazu zu verdienen, sondern verstärkt auch Menschen mit künstlerischem / besserem Bildungshintergrund. Der folgende Artikel gibt entsprechende Einblicke. Darüber wollten wir gerne mehr in Erfahrung bringen und in einem Selbstversuch die Obdachlosenzeitung in der U-Bahn verkaufen. Ein konkretes Handeln, das man theoretisch als aktuellen Prozesses der Aneignung von Wirklichkeit beschreiben könnte, um diese mögliche Funktion des Theaters mal aufzugreifen.

Wir sind zunächst in die Redaktion der Motz gefahren und haben uns mit Christian Linde, dem Mitherausgeber und Mitbegründer der Motz, getroffen. Er hat sich erstmal für die improvisierten Räumlichkeiten auf einem fabrikartigen Gelände entschuldigte. Als Theatermenschen wunderte uns das alles natürlich nicht, denn wir wissen oft ganz gut, wie man aus der Not heraus agiert und das eben keiner die Mietpreise senkt oder eine Sanierung übernimmt, nur weil man sich für eine gute Sache engagiert. Den Kopf voller Input und Gedanken kauften wir am Ende des Gespräches jeder fünf Exemplare der Motz. Der eigene Kapitaleinsatz lag bei 2 Euro (0,40 Euro pro Heft). Wenn es uns gelingen würde die Zeitschriften für jeweils 1,20 Euro (empfohlener Preis) zu verkaufen, konnte jeder 4 Euro verdienen. Viel wichtiger war uns jedoch eigene Gefühle zu reflektieren, die Reaktionen zu beobachten, auf die brisante finanzielle Situation der Künstler und Dramaturgen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Ich fragte mich, ob sich in dieser ambivalenten Situation jeder überwinden wird? Ist es provokant, wenn ich mich gut gekleidet auf den Weg mache, um eine Obdachlosenzeitschrift zu verkaufen? Wird man mir eher zuhören und glauben, was ich zu berichten habe, weil ich mich aufgrund meiner Bildung gut ausdrücken kann? Fühlt sich der wirkliche Obdachlose, dem ich vielleicht begegne, verarscht? Bewerten mich die Menschen mit Blicken? Fühle ich mich unwohl oder gar minderwertig?

Die Feedbackrunde nach unserer U-Bahn-Fahrt hat im Ergebnis deutlich gezeigt, dass jeder Teilnehmer ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat. Einige wenige haben sich wirklich nicht getraut, weil das Schamgefühl zu grpß war, sie das alles sehr beschäftigt hat, oder sie tatsächlich in der U-Bahn einen Obdachlosen getroffen haben und es dann unangemessen fanden diesem Konkurrenz zu machen. Die Mehrheit ist meiner Beobachtung nach aber durch das Experiment gestärkt und ermutigt wurden, mit dem Thema an die Öffentlichkeit heranzutreten, weil die Menschen positiv reagiert haben.

Mir persönlich ist es leicht gefallen, die Leute offen damit zu konfrontieren, dass ich einen Universitätsabschluss und mehrere Jahre Berufserfahrung habe und trotzdem auf keinen grünen Zweig komme. Ich bin gut darin zu beschreiben, warum ich einen Zustand als sozial ungerecht empfinde und argumentiere gerne, wenn es darum geht sich für das Theater stark zu machen. Nach 20 Minuten hatte ich alle Exemplare verkauft und einige Leute haben ein paar Euro gespendet. Es gab insgesamt wenige ablehnende Reaktionen, einige mir-doch-egal Äußerungen und vereinzelt gezielte Aufforderungen weiter zu machen. Ich habe auch ausprobiert nur mit der Zeitung durch die U-Bahn zu laufen und zu fragen, ob jemand ein Exemplar kaufen will, und das hat als Verkaufsstrategie übrigens überhaupt nicht funktioniert. Die Leute wollen “beschäftigt” sein oder sind “beschäftigt” und man kämpft gegen Smartphones und Ohrstöpsel, um einen Funken Aufmerksamkeit.

Das brachte einen Teilnehmer auf die Frage, ob unsere Erfahrungen den Mitarbeitern der Motz helfen könnten einen Leitfaden für die Verkäufer zu entwickeln oder ob es sinnvoll wäre sich ehrenamtlich als (Verkaufs-)Mentor zu engagieren und Verkäufer zu schulen. Die Kommunikationsstrategien allein werden aber nicht alle Gründe der Abneigung, der potentiellen Käufer gegenüber dem Verkäufer überwinden können. Es bleiben Momente der Belästigung durch Geruch und Ungepflegtheit, wie es eine Teilnehmerin zu bedenken gab, oder Momente der Irritation durch Verwirrtheit und nicht “norm-konformen” Benehmens, wenn ein psychisch und physisch erschöpfter Mensch in seiner Not handelt.

Im Ergebnis war der Selbstversuch für mich eine Erfahrung, die mir helfen wird, menschlich geduldig zu bleiben. Die Fähigkeit sich in andere Menschen hineinversetzen zu können und der Wille, dies trotz aller Bedenken und Gegenargumente zu tun, sind für die Theaterarbeit weiterhin ganz entscheidend.

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Konkrete Recherche im Selbstversuch

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Schlagwort: Konferenz konkret. Der praktische Workshop mit Helena Waldmann zu dem ich heute spontan aus wirklichem Interesse daran gegangen bin (eigentlich hatte ich mich für den Workshop “Das Stadttheater retten in drei Stunden” angemeldet), war eine tolle Erfahrung. Kurz gesagt haben wir im Selbstversuch die Obdachlosenzeitung Motz in der U-Bahn verkauft und die problematische finanzielle Situation der Künstlerinnen für einen kurzen Moment öffentlich gemacht, aber viel wichtiger waren die Beobachtungen, Erfahrungen und Gespräche danach. Das Gespräch vorab zur Situation von Obdachlosen in Berlin und der Geschichte des Vereins war auch sehr spannend und aktuell. Darüber werde ich in einem extra Beitrag im Detail berichten. Nicht mehr heute Nacht, aber in den nächsten 72 Stunden. Die Produktion “Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs” von Milo Rau in der Schaubühne am Lehniner Platz war anstrengend und bedarf ebenfalls einer Reflektion, aber nicht mehr heute Nacht.