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Artus – Tischlos unglücklich

Meine Zweifel begannen schon im Foyer. Der rosa-blaue Felsen mit Schwert wartete darauf, von Zuschauern und Darstellern bespielt zu werden und tatsächlich: die Kunst begann mit einem Bad in der Menschenmenge. „Wer ist eigentlich dieser Merlin“ wurde da geflüstert, und zu welcher Zeit hat sich das alles zugetragen? Merlin (Caroline Dietrich), der Sohn des Teufels, der seinem Vater nicht gehorchen will, sucht einen Fähigen. „Rolf“ und“ Klaus“ aus den Reihen der Premierengäste versuchen, das Schwert aus dem Stein zu ziehen und bekommen so kluge Sätze zu hören, wie: „Rolf, du musst an dich glauben“ und dann die Erkenntnis „Rolf, du bist es leider nicht.“ Bereits nach kurzer Zeit ein unaufhaltsamer Rutsch in die Platitüden, aus denen sich die Inszenierung nicht mehr befreien konnte.

Am Staatstheater Kassel hatte am Samstag „Merlin oder Das wüste Land“, von Tankred Dorst 1979 geschrieben und hier in der Regie von Marco Storman zu sehen, Premiere. Gleich vorweg: das Buch kenne ich nicht, aber die Inszenierung war technikverliebt, langatmig und bewegte sich inhaltlich auf dünnem Eis. König Artus, der Auserwählte, fürchtet sich vor der großen Aufgabe König zu werden, klagt er habe nicht genug Vorstellungskraft und rennt in den Zuschauerraum. So flehend: „ich kann nicht vorausschauen…ein König muss doch vorausschauen können“ und zögerlich wie ihn Jürgen Wink spielt, glaubt man ihm das immerhin sofort. Die nächsten fünfzehn Minuten vergehen damit, dass man als Zuschauer bei lauter Musik seinen Sitzplatz einnimmt, sich fragt, was einem die Projektionen erzählen (sollen) und das treiben der Darsteller in diesem vollgestellten Bühnenraum, der seitlich in den Zuschauerraum hineinragt, beobachtet. Da werden Körper vermessen und wird allerlei hin und her sortiert.

Das Bühnenbild von Demian Wohler ist ein großer pompöser Akt, der im Fazit aber leider wenige Spiel- und Wandlungsmöglichkeiten bietet. Da gibt es große und kleinerer Bildschirme überall verteilt – für spätere Videoliveschaltungen und Filmeinspielungen von Schlachtszenen – , silberne Regale die ein Kuriositätenkabinett bilden, ein DJ-Pult rechts und oben mittig eine grelle Neonröhren-Beleuchtungsanlage. Verkehrt herum im Mantel steckend, bittet König Artus darum, dass man ihm einen Tisch baue, wird gerätselt wie groß ein Tisch für 100 Ritter sein müsste und philosophiert, was die Vorteile eines runden Tisches sind – “einem Tisch an dem alle gleich sind”.  „Glauben sie an den Fortschritt…es gibt Tischregeln.“ So sehr ich mir Mühe gebe, mein Glaube an die Kraft dieser Inszenierung beginnt zu schwinden. Statt den Tisch bauen zu lassen, heiratet Artus Ginevra, weil diese als Mitgift einen passenden Tisch mit in die Ehe einbringt.  Gespielt wird die Königen von Eva-Maria Keller, die an diesem Abend einige Regieeinfälle über sich ergehen lassen muss und am Ende halb nackt und hilflos von Parizival/Mordred (in beiden Rollen verschmolzen Marius Bistritzky), dem unehelichen Sohn Artus –  der zwar an das Gute in sich glauben will, sich aber von seiner Wut zum zweiten Mal übermannen lässt und zuvor seinen Vater kaltblütig ermordet hat, sexuell belästigt wird. Der eigentlich interessante Handlungsstrang rund um Ginevras leidenschaftlicher Affäre zu Sir Lancelot (Lukas Umlauft), dem treuen Freund des Königs, wird zwar erzählt, geht aber in den Albernheiten der Szenen unter. Der Männerbund der Tafelrunde, der sich in der Politik ja doch irgendwie fortsetzt, wurde (leider?) gleich gänzlich gestrichen. In Aktualisierungen kann man sich zugegebenermaßen ebenfalls schnell verrennen, aber vielleicht hätte das Thema doch etwas zum Inhalt beitragen können?!

Schließen wir mit Artus Gedanken: „Werden Ideen auch alt?“ Leider ja, und die Regie sollte Castorfs Stil nicht gedankenlos fortführen, ohne ein klares Ziel zu verfolgen. „Der Löwe frisst Gras.“ Nun ja… was genau Artus damit meint, weiß er selbst nicht. Es sei nur ein spontaner Einfall gewesen. Das lässt sich leider ebenfalls auf das Regiekonzept übertragen. Die viel zu lauten, langen filmischen Szenen, den Theaternebel und den mit meinen Augen gesehenen blauen Kuschelkaktus mit gelben Stacheln – in Wahrheit ist es ein Zwergplanet, aber was ist schon die Wahrheit – lasse ich unkommentiert. Was solls. Alles nur Einfälle, die eben nicht gezündet haben. Ich will der Kunst keinen Sinn aufzwängen, aber dass die Kritik keinen Hehl daraus macht die Langeweile zuzugeben, mag mir die Kunst bitte nicht übel nehmen.

Weitere Vorstellungen am 19.01., 20.01., 23.01., 04.02., und 15.02.2018, jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus des Staatstheaters Kassel.

 

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Swimming Pool of Emotions – Dance Company Cassel

Johannes Wielands reflections on the refugee crises in the dance production YOU WILL BE REMOVED at the Staatstheater Cassel

The stage looks like a cold, nacked location that reminds us of a swimming pool (stage design by Momme Roehrbein) in Johannes Wielands new production You will be removed.” There even is a spring board. However nobody can swim or dive here anymore to relax. There is no water left in the pool. Maybe nobody wants to swim these days, to make sure not to think about the bodies dying in the Mediterranean Sea every single hour. The bodies of the dancers are sliping down the stairs: sluggish, exhausted or even spit out dead by the sea. The bodies walk back up the stairs. They try again and again to arrive on stage. We can see their pain and we understand, that they are losing their strength and hope. Various other items on stage help us to recall a different setting. There are some chairs and suitcases, plastic sheets, a mattress and a palm tree. White is the dominate color. It might be a reference to an administration office or a refugee camp. However, if one observes the bodies in detail they look pretty and very sexy. The dancers are wearing dresses and pantsuits in very good quality. They dance in high heels or fancy sneakers, not in flip-flops. They are neither dirty nor injured. Obviously Johannes Wieland, as the choreographer of this evening, and his costume designer Stefanie Krimmel like to play with some signs of capitalism, our media perception and the ongoing discussions of whether or not the refugees that are coming to us are wealthy economic refugees (a common argument in Germany right now). The music and the situation changes from scene to scene numerous times. In the best moments of this evening the energy level of the company is incredible high and reminds me of the physical theater tradition of choreographers like Lloyd Newson or Wim Vandekeybus. Wieland even makes a reference to a very famous scene from Vandekeybus piece “What the body does not remember”, but instead of throwing bricks Wielands dancers throw and try to catch every-day items like shoes. Risk taking in dance is an important idea for this producition as it works as a metaphor for the risks that refugees take to come to Europe. Wieland consciously puts his dancers in jeopardy. They respond with daring jumps and they are able to climb high walls. They work their ass off to make us in the audience believe, that it is all so easy and that they truly believe the dream to dance is worse the risk, even if they already understand that it might be not. The allegory brings me back to the humans on the run for whatever reason. Everyone’s head in the audience is full of the pictures about the refugee crises in Europe. The media are flooding our minds in waves like Johannes Wieland is flooding our heads. There is a moment during the show, where the music becomes so loud that I thought the roof of the theater might break down over me due to the bass. An interesting evening, though I felt that some scenes drift into performance and are too long. Unfortunately it is not possible to drain the water out of the “pool” Mediterranean Sea to force all the involved politicians to act responsibly.