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Artus – Tischlos unglücklich

Meine Zweifel begannen schon im Foyer. Der rosa-blaue Felsen mit Schwert wartete darauf, von Zuschauern und Darstellern bespielt zu werden und tatsächlich: die Kunst begann mit einem Bad in der Menschenmenge. „Wer ist eigentlich dieser Merlin“ wurde da geflüstert, und zu welcher Zeit hat sich das alles zugetragen? Merlin (Caroline Dietrich), der Sohn des Teufels, der seinem Vater nicht gehorchen will, sucht einen Fähigen. „Rolf“ und“ Klaus“ aus den Reihen der Premierengäste versuchen, das Schwert aus dem Stein zu ziehen und bekommen so kluge Sätze zu hören, wie: „Rolf, du musst an dich glauben“ und dann die Erkenntnis „Rolf, du bist es leider nicht.“ Bereits nach kurzer Zeit ein unaufhaltsamer Rutsch in die Platitüden, aus denen sich die Inszenierung nicht mehr befreien konnte.

Am Staatstheater Kassel hatte am Samstag „Merlin oder Das wüste Land“, von Tankred Dorst 1979 geschrieben und hier in der Regie von Marco Storman zu sehen, Premiere. Gleich vorweg: das Buch kenne ich nicht, aber die Inszenierung war technikverliebt, langatmig und bewegte sich inhaltlich auf dünnem Eis. König Artus, der Auserwählte, fürchtet sich vor der großen Aufgabe König zu werden, klagt er habe nicht genug Vorstellungskraft und rennt in den Zuschauerraum. So flehend: „ich kann nicht vorausschauen…ein König muss doch vorausschauen können“ und zögerlich wie ihn Jürgen Wink spielt, glaubt man ihm das immerhin sofort. Die nächsten fünfzehn Minuten vergehen damit, dass man als Zuschauer bei lauter Musik seinen Sitzplatz einnimmt, sich fragt, was einem die Projektionen erzählen (sollen) und das treiben der Darsteller in diesem vollgestellten Bühnenraum, der seitlich in den Zuschauerraum hineinragt, beobachtet. Da werden Körper vermessen und wird allerlei hin und her sortiert.

Das Bühnenbild von Demian Wohler ist ein großer pompöser Akt, der im Fazit aber leider wenige Spiel- und Wandlungsmöglichkeiten bietet. Da gibt es große und kleinerer Bildschirme überall verteilt – für spätere Videoliveschaltungen und Filmeinspielungen von Schlachtszenen – , silberne Regale die ein Kuriositätenkabinett bilden, ein DJ-Pult rechts und oben mittig eine grelle Neonröhren-Beleuchtungsanlage. Verkehrt herum im Mantel steckend, bittet König Artus darum, dass man ihm einen Tisch baue, wird gerätselt wie groß ein Tisch für 100 Ritter sein müsste und philosophiert, was die Vorteile eines runden Tisches sind – “einem Tisch an dem alle gleich sind”.  „Glauben sie an den Fortschritt…es gibt Tischregeln.“ So sehr ich mir Mühe gebe, mein Glaube an die Kraft dieser Inszenierung beginnt zu schwinden. Statt den Tisch bauen zu lassen, heiratet Artus Ginevra, weil diese als Mitgift einen passenden Tisch mit in die Ehe einbringt.  Gespielt wird die Königen von Eva-Maria Keller, die an diesem Abend einige Regieeinfälle über sich ergehen lassen muss und am Ende halb nackt und hilflos von Parizival/Mordred (in beiden Rollen verschmolzen Marius Bistritzky), dem unehelichen Sohn Artus –  der zwar an das Gute in sich glauben will, sich aber von seiner Wut zum zweiten Mal übermannen lässt und zuvor seinen Vater kaltblütig ermordet hat, sexuell belästigt wird. Der eigentlich interessante Handlungsstrang rund um Ginevras leidenschaftlicher Affäre zu Sir Lancelot (Lukas Umlauft), dem treuen Freund des Königs, wird zwar erzählt, geht aber in den Albernheiten der Szenen unter. Der Männerbund der Tafelrunde, der sich in der Politik ja doch irgendwie fortsetzt, wurde (leider?) gleich gänzlich gestrichen. In Aktualisierungen kann man sich zugegebenermaßen ebenfalls schnell verrennen, aber vielleicht hätte das Thema doch etwas zum Inhalt beitragen können?!

Schließen wir mit Artus Gedanken: „Werden Ideen auch alt?“ Leider ja, und die Regie sollte Castorfs Stil nicht gedankenlos fortführen, ohne ein klares Ziel zu verfolgen. „Der Löwe frisst Gras.“ Nun ja… was genau Artus damit meint, weiß er selbst nicht. Es sei nur ein spontaner Einfall gewesen. Das lässt sich leider ebenfalls auf das Regiekonzept übertragen. Die viel zu lauten, langen filmischen Szenen, den Theaternebel und den mit meinen Augen gesehenen blauen Kuschelkaktus mit gelben Stacheln – in Wahrheit ist es ein Zwergplanet, aber was ist schon die Wahrheit – lasse ich unkommentiert. Was solls. Alles nur Einfälle, die eben nicht gezündet haben. Ich will der Kunst keinen Sinn aufzwängen, aber dass die Kritik keinen Hehl daraus macht die Langeweile zuzugeben, mag mir die Kunst bitte nicht übel nehmen.

Weitere Vorstellungen am 19.01., 20.01., 23.01., 04.02., und 15.02.2018, jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus des Staatstheaters Kassel.

 

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Workshop mit den Kulturfritzen

Ich wollte gerne noch über einen Workshop mit den Kulturfritzen berichten. Der fand Sonntag Morgen, ebenfalls im Rahmen der Konferenz Theater und Netz Vol. 5 statt. Das tolle an so einen Praxisworkshop, für den man nur eine Stunde Zeit hat und bei dem ganz unterschiedliche Leute zusammenkommen, ist, dass man in minimaler Zeit, den bestmöglichen Output anstrebt. Man spinnt einfach mal, was möglich wäre, wenn keiner sagt: “Nee…zu teuer, zu zeitaufwendig, wer soll das machen…” Die Intro der Kulturfritzen, alias Anne Aschenbrenner & Marc Lippuner, war deshalb kurz und knapp und an unserem Tisch haben wir im Fünferteam ergebnisorietiert eine kleine Projektidee entwickelt. Bereits am Samstag hatten andere Teilnehmer verschiedene Punkte gesammelt, die sich verschiedene Akteure (Publikum, Marketing, Blogger, Theatermacher) wünschen. Die Marketingabteilung z.B. wünscht sich mehr Diskurs, die Zuschauer wünschen sich einen einfachereren Kartenverkauf, die Blogger wünschen sich kreative Kooperationen und die Schauspieler/innen wünschen sich, dass mehr über sie gesprochen wird. Zummindest waren das die Antwortkarten, die uns zum arbeiten zugeteilt wurden. Dazu drei Kanäle: Facebook, Instagram und Playbuzz. Playbuzz kannt keiner von uns und dieses Kärtchen haben wir beiseite gelegt. Lektion 1: Nutze keine Kanäle, deren Funktionsweise Du nicht kennst. Also dann, wie stellt man das an? Unsere Aufgabe war es, innerhalb von 15 Minuten unter Verwendung von Facebook und Instagram einige Ideen zu entwickeln, welche diese Wünsche verwirklichen (könnten). Nicht so einfach. Wir haben uns dann ausgedacht, dass wir gerne verschiedene Blogger aus der Beauty- und Fashionszene einladen wollen, verschiedene Produktionen vorab exklusiv zu begleiten, um darüber zu berichten. (Die Kollegin vom Schauspiel Zürich konnte über interessante Erfahrungen berichten!) Ganz im Sinne kreativer Kooperationen und mehr Diskurs. Den einfachen Kartenverkauf könnte man evt. über Last-Minute-Kontingente via facebook einlösen. Auch eine “Blinde-Date-Gruppe” auf facebbok fanden wir gut, um Leuten die gerne ins Theater gehen, aber eben nicht allein, zu ihrem Glück zu verhelfen. Außerdem könnten doch Schauspieler/innen auf Instagram selbst Fotos von Proben posten, oder? Dann bestimmen sie endlich mal selbst das Bild und wie sie ins Licht gerückt werden. A la: “Schaut mal: Das ist das Ballkleid, dass ich in unserem neuen Weihnachtsmärchen tragen werde…ist zwar sehr phantasievoll, aber ich weiß nicht, wie ich mich darin bewegen soll.” Wir waren uns einig darin, dass eine Öffnung hin zu neuen Inhalten in den sozialen Medien mit einem (kleinen?) Verlust des geschützen künstlerischen Probenzeitraums einher geht. Es ist dann eben nicht mehr alles bis zur Premiere top secret. Auch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass sich nicht kontrollieren lässt, worüber die Blogger schreiben werden, wenn man sie einlädt. Wie im Journalismus, muss man ihnen diese Freiheit einräumen und daran müssen sich vorallem die Intendanten noch gewöhnen. Denn der Hinweis, dass wir Theatermitarbeiter/innen auf den Kanälen der sozialen Medien so schreiben, als würden die Sachen gedruckt werden, scheint mir sehr berechtig. Das führt dann dazu, dass Ausschnitte aus den Pressemitteilungen bei facebook gepostet werden und das funktioniert einfach nicht. Perfektionismuss macht auf diesen Kanälen ebenfalls keinen Sinn. Da wird über Meinungen/Eindrücke/Geschmack so geschrieben, wie gequatscht wird, und deshalb lesen die Leute es so gern…ganz nebenbei…im Zug, im Bus und in der Pause. Die anderen Teams haben übrigends die Entwicklung von “Visual Walks unter Verwendung von Drohnen” vorgeschlagen (diese Technik ist ja jetzt so günstig verfügbar), die von Zuschauern im Snapchatkanal bespielt werden oder “VR-obt” mit uns, eine VR-Proben-Erfahrung für Zuschauer, damit die auch mal erleben, wie anstrengend Proben sind (VR= Virtuell Reality). Freies Brainstorming ist wirklich eine super Sache. Viel effektiver als nicht endenwollende Sitzungen, in denen sich doch keiner traut mal was Neues vorzuschlagen, weil der Chef die Idee ja blöd finden könnte. Einfach mal machen, nehme ich als Impuls aus diesem Workshop mit. Merci an alle kreativen Teilnehmer, deren Namen ich nicht mehr auf dem Schirm habe. Schön wars!

PS: Playbuzz ist eine Plattform mit der man interaktiv Geschichten erzählen kann.

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Ideen unseres Fünferteams

Sound, Light, Stage, Multimedia – The Music Exhibition Frankfurt

 

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PRG Laser Show

The live entertainment industry is a big market. Think about light and sound design, camera solutions, laser shows and pyrotechnics to name only a few working areas. Do you want to know what happens, if a person like me visits the Musikmesse Frankfurt (International Music Exhibition Frankfurt) for the first time? Well I will be please to tell you. I was overwhelmed, started to count the exhibition halls first and spent my lunch time to read the list of events to understand how huge this exhibition is. I really had noooooooo clue. There are about 11 huge halls with all kinds of instruments and equipments you can think of and check out. The program of the exhibition describes the fallowing major fields: Light + Stage, Sound + Audio, Light + Multimedia, Light + Effects, Education + Events, Classic meets Acoustic, Education meets Fun, Classic meets Keys, Electro meets Recording, Classic meets Jazz and Rock meets Pop. Not to speak about the additional Musikmesse Festival with another 30 locations and 50 concerts around the city in Frankfurt. The Musikmesse Frankfurt is an international trade fair for musical instruments, sheet music, music production and marketing (four days). The only way to survive and enjoy this exhibition is to filter quickly what might be interesting for oneself and focus on a very few topics and events you really want to learn more about. I found the prolight+sound conference quiet interesting and went to a lecture about Beijing Opera and Theatre traditions given by Gao Guangijan, the Director of Stage Design at the National Centre for Performing Arts in Beijing. His talk was very interesting, although just a very few people came to listen to this lecture and they had some problems to translate the Chinese presentation into English. The other thing I was impressed about was a backstage tour and equipment show in the hall rented by the company PRG. PRG is a company that offers one-stop production solutions for huge concerts in the live entertainment sector. The laser- and pyroshow was impressive and one technician told me that they worked for four days in shifts to build up all the computers and technical equipment (e.g. 9000 spotlights!) that was necessary for this exhibition. Well done I thought. They know how to sell their products and make money. If you want to master electrical and sound technology, want to learn more about event management in Europe and around the world or buy a new instrument this is your exhibition. Go and check out the Musikmesse Frankfurt next year. For those of you who are interested in Film. There is another exhibition coming up in Stuttgart / Germany at the end of this month that is called FMX – Conference on Animation, Effects, Games and Transmedia.

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Gao Guangjian, stage designer, talking about the Beijing Opera traditions
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Musikmesse Frankfurt, 2016

 

“Giselle” Live from the Royal Opera House

“Good evening everybody around the world.” It was the first time that I saw a production of the live cinema season 2015/16 of the Royal Opera House in London and I was thrilled. Only 22 visitors brought tickets for this cinema evening in Cassel (Germany) and it was a shame, because the show was fantastic! “Giselle” is a classic romantic ballet and most people know the story about the poor farmer’s girl Giselle, who is falling in love with duke Albrecht. He breaks her heart and in act two the Wilis, vengeful spirits of young brides who died before their wedding day, will try to dance Albrecht to death. But love wins in this powerful story! Peter Wright’s production for The Royal Ballet is based on Marius Petipa’s classic version, which was first staged in St. Petersburg in 1884. What makes a cinema screening of a production of a world famous dance company so special is the technical realization. “Giselle” was directed for the cinema by Ross Macgibbson in an excellent way. I don’t know how many cameras they use, but you can see every single detail on an 18 x 10 meters screen in a multiplex cinema. In fact you can see the facial expressions and the technical work of the dancers much better than form every seat in a performance theater. The price for this of course is that you miss the live atmosphere in an opera house. They try to compensate this with help of a live moderation from backstage before the show starts and with interviews in the intermission live from the foyer of the Royal Opera House. It is a good solution, because the moderator speaks live to the audiences in the cinemas around the world (in this case about 1500 cinemas). In addition they show the visitors in the cinemas produced short films with impressions of the rehearsals. That way one can really learn a lot about the creative process of the company. One other main thing that I missed was the total view of the stage. The cameras determine the point of view of the spectator. I see what the director wants me to see on the screen and I have no chance to focus on a ballerina in the corps de ballet only, like I could in the theater, if I wanted. I talked to a German technical employee in the cinema afterwards and he gave me some more information’s. They hardly have any technical problems with the live screenings any more, but there are only a very few shows that sell very well however. The Rocky Horror Show was a success and the screenings of the concert screenings of the Berliner Philharmoniker do very well. Besides the cinemas have similar problems just as the theaters. People like to stay at home these days and most of them have a huge TV screen anyway. We need to change that again people. It really makes a difference! I switch of my mobile phone, when I go to the theater or the cinema. I spent my time and concentration to enjoy a show with a friend. It’s a special evening and I am full of ideas and thankful afterwards. A TV never made me happy that way and I doubt anyone would disagree with me! What do you think? Share your thoughts about this question and live cinema screenings with me! Leave a comment!

 

Pool der Emotionen

Johannes Wielands Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise im Tanzstück “You will be removed” am Staatstheater Kassel

Ein kühler, nackter Ort der an ein Schwimmbad erinnert. Das Becken ist nicht mehr mit Wasser gefüllt und der Sprungturm wirkt ungleich höher und bedrohlicher, ohne das nasse Element. Vielleicht will in diesen Tagen auch niemand mehr schwimmen gehen, weil wir die Fernsehbilder ertrinkender Menschen im Mittelmeer im Kopf haben, denke ich mir im Stillen. An beiden Seiten führen steile Treppen in das Becken. Hier und da stehen Stühle, ein Sessel, eine Matratze, eine Palme, ein Einkaufswagen. Das beeindruckende Bühnenbild von Momme Roehrbein für Johannes Wielands Tanzabend “You will be removed” dominiert den ganzen Abend. Die Körper der Tänzer rutschen erschöpft die Treppen hinunter ins Becken. Kraftlos, hilflos, die Glieder scheinen zu schmerzen. Manche Körper könnten bereits nicht mehr am Leben sein. Kaum auf dem Grund des Beckenbodens angekommen, bemühen sich die Tänzer, die Treppen wieder zu bewältigen, und gleiten erneut hinab. Der Vorgang wiederholt sich. Die dominierende Farbe ist weiß. Man könnte sich auch in einer Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung oder in einem Behördengebäude befinden, wenn man den Sprungturm ausblendet. Bei genauer Betrachtung der Tänzer fallen die eleganten Kleider und guten Hosen auf. Hier wird in schicken Stöckelschuhen und modernen Sneakers getanzt, nicht in Flipflops. Nichts ist dreckig oder zerrissen. Natürlich spielen Choreograph Johannes Wieland und seine Kostümbildnerin Stefanie Krimmel mit den Symbolen des Kapitalismus, unserer Medienwahrnehmung und der anhaltenden Diskussion, ob nicht die Flüchtlinge die im Moment nach Europa kommen, eher Wirtschaftsflüchtlinge sind (ein Argument, dass man besonders in Deutschland dieser Tage oft hört). Musik und Situation ändern sich von Szene zu Szene. In unzähligen Variationen finden die Tänzer Möglichkeiten an den Wänden aus dem Becken zu klettern, wieder ins Becken hinein zu springen oder einarmig am Sprungbrett zu hängen. Akustisch nicht immer verständliche Texte unterstreichen die inhaltliche Auseinandersetzung. Da behauptet eine junge Frau in einer Szene sie sei zu einhundert Prozent physisch und psychisch in Ordnung und könne einen Beitrag für diese Gesellschaft leisten, obwohl sie gerade auf dem Sprungbrett am Abgrund steht. In einer anderen Szene geben Männer von sich alles ist real, echt, rein, man solle bloß nichts mischen…Koks, Seide, Rasse, Sex. Michael Jacksons Hit Black or White wird als Nummer ebenfalls eingeflochten. In den besten Momenten an diesem Abend ist die Energie, die das Ensemble freisetzt, unglaublich hoch und erinnert an die Arbeiten von Lloyd Newson oder Wim Vandekeybus. Wieland zitiert sogar die Arbeit “What the body does not remember” von Vandekeybus, aber statt der gefährlichen Ziegelsteine werfen die Tänzer bei ihm Schuhe und andere Alltagsgegenstände in die Luft. Ein Risiko einzugehen ist ein wichtiges Thema in dieser Arbeit, denn es funktioniert als Metapher dafür, dass auch die Flüchtlinge Risiken eingehen, wenn sie ihre Heimat verlassen. Sie wissen nicht, was sie auf der Flucht erleben und wo sie in Europa unterkommen oder gar ankommen werden. Wieland fordert den Körpern viel ab und bringt seine Tänzer mit den zum Teil gewagten akrobatischen Einlagen bewusst in Gefahr. Sie scheinen die Herausforderung zu genießen, bieten tänzerisch alle waghalsigen Sprünge an, die sie in der Lage sind auszuüben, und machen den Zuschauer gerne glauben: „Schaut her, ist doch alles ganz easy. Ich arbeite wie verrückt und das ist das Ergebnis.“ Und doch ist es nie gut genug!? Finden wir nicht immer etwas, was wir an den Neuankömmlingen auszusetzen haben? Die Medien fluten unsere Gedanken, so wie Johannes Wieland an diesem Abend unsere Köpfe mit irre schnellen und komplexen Bewegungsabläufen flutet. In Erinnerung bleibt eine Szene in der die Musik so laut wird, dass man das Gefühl hatte es würde über einem gleich das Dach des Theater einstürzen. Insgesamt ein gelungener Versuch der tänzerischen Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema, wenn auch die eingestreuten Performanceszenen bisweilen zu lang waren. Vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass die Bewegungssprache weniger schön und sexy, weil das nicht zum Thema Flüchtlingsproblematik passt.

Introducing Theaters II: Staatsschauspiel Hannover

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Staatsschauspiel Hannover im Januar 2016

 

The Staatsschauspiel Hannover has a long history, that goes back to the 19th century. The main building (Prinzenstraße) is a new, ultra-modern construction that opend up in 1992. The predominatly white building reminded me of a futuristic car park at first, but the large open space of the foyer creates an interesting atmosphere. Espacially because of the huge pictures of the ensemble and of productions, that one can see everywhere. There is also a theater museum with changing exhibitions inside of the theater. The entrance is free for people who have a valid theater ticket for the show of the day.

The Artistic Director since 2009 is the stage director Lars-Ole Walburg and he employed some of the best actors and actresses I know in Germany. Some of the artists worked at the Centraltheater in Leipzig for Sebastian Hartmann before they moved to Hannover. If you haven’t heard about Hartmann before, that might be an interesting theater research. His attempt to modernize the German state theater system and to push the boundaries was discused extensively in various theater journals over the years.

I saw the production “Maria Stuart” lately. Aesthetically I would say that the ensemble follows a post-modern agenda, where experimental theatrical perceptions and representations are created. The video trailers of the productions can give you a better idea of the different styles of directors like Sascha Hawemann, Martin Laberenz or Anna Bergmann. The actors are asked to make the audience aware of the live event and to involve them. They might break out of their roles and start to improvise or drink a beer with you, like it happend in “Maria Stewart” – here to ironically extend the farewell of Maria (the evening acuminates in here exhecution).

On how it is to sell a Newspaper like a homeless person – Selbstversuch als Straßenzeitungs-verkäuferin

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Konferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2016

 

Erfahrungsbericht zum Praxisworkshop Im Stadtraum – Wir machen den Weg frei mit der Berliner Choreografin Helena Waldmann

von Corinna Weber

Stellenanzeige:
“Die Gmunder Festwochen suchen für die Aufführung von Cosi fan tutte professionelle Sänger. Wir können Ihnen leider kein Geld bieten aber eine kostenlose DVD von der Aufführung.”

(Quelle: ARTbutFair)

Im Rahmen der Konferenz der Dramaturgischen Gesellschaft habe ich an einem Praxisworkshop mit der Berliner Regisseurin und Choreografin Helena Waldmann teilgenommen. Ausgangspunkt waren vier von ARTbutFAIR gesammelte, unangemessene (unverschämte?) Stellenausschreibungen, entsprechend dem vorangestellten Beispiel, und der im Januar 2016 von Intendant Christoph Nix in der Süddeutsche Zeitung veröffentlichte Artikel: Bretter, die kein Geld bedeuten. Helena Waldmann richtete zwei Fragen an uns: Wie schwer ist es heute von der Kunst zu leben und wird Kunst als Arbeit anerkannt?

In unserer kleinen Gruppe mit ca. 10 Beteiligten waren wir uns vom Chefdramaturgen bis zum Pressesprecher ziemlich einig, dass viele unserer KollegenInnen (Tänzer, Schauspieler, Dramaturgen) und zum Teil auch wir selbst ganz aktuell am/unter dem Existenzminimum leben. Kunst wird als Arbeit, bedenkt man unsere Universitätsabschlüsse, nicht angemessen vergütet. Ich persönlich würde sogar sagen, dass Kunst als Arbeit von Teilen der Gesellschaft nicht ernst genommen wird. Die Menschen, die Kunst als Arbeit schon irgendwie ernst nehmen und uns glauben, dass wir an der Belastungsgrenze angekommen sind, argumentieren wahlweise mit Sätzen, wie:
„Ja, aber Du wusstest ja, worauf Du Dich eingelassen hast bei der Studienwahl (…)“
„Damit kann man eben kein Geld verdienen, aber immerhin hast Du Freude an der Arbeit.“
oder
„Dann überleg doch mal, ob Du Dir nicht doch etwas anderes vorstellen kannst als Theater. Die Zeiten werden ja nicht besser.“
In solchen Äußerungen schwingen eine Anklage bezüglich der unklugen Wahl des Studienfaches, eine Abwertung der Studienleistungen aufgrund der vermeintlich selbstverschuldeten, problematischen beruflichen Situation und bisweilen eine negative Bewertung dessen, was man zum Wohlstand dieser Gesellschaft und zum Gelingen des sozialen Gefüges beiträgt mit. Wir Künstler liegen den Anderen auf der Tasche?! Ich bin diese Gespräche leid und muss als Dramaturgin wirklich lernen, mich entsprechend Helena Waldmanns Impulsgedanken, wie eine Bankerin zu verhalten und meine Künstler und mich selbst so gut zu beraten, dass wir nie wieder in die Falle tappen Energie, Ideen, Zeit und Nerven zu investieren, ohne nicht selbst dabei Geld zu verdienen. Denn von der Freude an der Arbeit und der Hoffnung auf Anerkennung und Erfolg kann ich meine Miete nicht bezahlen. Ich war in diesem Praxisworkshop also genau richtig.
Helena Waldmann hatte gelesen, dass sich das Klientel von Leuten, die die Berliner Obdachlosenzeitschrift Motz verkaufen zunehmend verändert. Es seinen nicht mehr nur Suchtabhängige oder in anderer Form ausgegrenzte Menschen, die diese Zeitung verkaufen wollen, um sich etwas dazu zu verdienen, sondern verstärkt auch Menschen mit künstlerischem / besserem Bildungshintergrund. Der folgende Artikel gibt entsprechende Einblicke. Darüber wollten wir gerne mehr in Erfahrung bringen und in einem Selbstversuch die Obdachlosenzeitung in der U-Bahn verkaufen. Ein konkretes Handeln, das man theoretisch als aktuellen Prozesses der Aneignung von Wirklichkeit beschreiben könnte, um diese mögliche Funktion des Theaters mal aufzugreifen.

Wir sind zunächst in die Redaktion der Motz gefahren und haben uns mit Christian Linde, dem Mitherausgeber und Mitbegründer der Motz, getroffen. Er hat sich erstmal für die improvisierten Räumlichkeiten auf einem fabrikartigen Gelände entschuldigte. Als Theatermenschen wunderte uns das alles natürlich nicht, denn wir wissen oft ganz gut, wie man aus der Not heraus agiert und das eben keiner die Mietpreise senkt oder eine Sanierung übernimmt, nur weil man sich für eine gute Sache engagiert. Den Kopf voller Input und Gedanken kauften wir am Ende des Gespräches jeder fünf Exemplare der Motz. Der eigene Kapitaleinsatz lag bei 2 Euro (0,40 Euro pro Heft). Wenn es uns gelingen würde die Zeitschriften für jeweils 1,20 Euro (empfohlener Preis) zu verkaufen, konnte jeder 4 Euro verdienen. Viel wichtiger war uns jedoch eigene Gefühle zu reflektieren, die Reaktionen zu beobachten, auf die brisante finanzielle Situation der Künstler und Dramaturgen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Ich fragte mich, ob sich in dieser ambivalenten Situation jeder überwinden wird? Ist es provokant, wenn ich mich gut gekleidet auf den Weg mache, um eine Obdachlosenzeitschrift zu verkaufen? Wird man mir eher zuhören und glauben, was ich zu berichten habe, weil ich mich aufgrund meiner Bildung gut ausdrücken kann? Fühlt sich der wirkliche Obdachlose, dem ich vielleicht begegne, verarscht? Bewerten mich die Menschen mit Blicken? Fühle ich mich unwohl oder gar minderwertig?

Die Feedbackrunde nach unserer U-Bahn-Fahrt hat im Ergebnis deutlich gezeigt, dass jeder Teilnehmer ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat. Einige wenige haben sich wirklich nicht getraut, weil das Schamgefühl zu grpß war, sie das alles sehr beschäftigt hat, oder sie tatsächlich in der U-Bahn einen Obdachlosen getroffen haben und es dann unangemessen fanden diesem Konkurrenz zu machen. Die Mehrheit ist meiner Beobachtung nach aber durch das Experiment gestärkt und ermutigt wurden, mit dem Thema an die Öffentlichkeit heranzutreten, weil die Menschen positiv reagiert haben.

Mir persönlich ist es leicht gefallen, die Leute offen damit zu konfrontieren, dass ich einen Universitätsabschluss und mehrere Jahre Berufserfahrung habe und trotzdem auf keinen grünen Zweig komme. Ich bin gut darin zu beschreiben, warum ich einen Zustand als sozial ungerecht empfinde und argumentiere gerne, wenn es darum geht sich für das Theater stark zu machen. Nach 20 Minuten hatte ich alle Exemplare verkauft und einige Leute haben ein paar Euro gespendet. Es gab insgesamt wenige ablehnende Reaktionen, einige mir-doch-egal Äußerungen und vereinzelt gezielte Aufforderungen weiter zu machen. Ich habe auch ausprobiert nur mit der Zeitung durch die U-Bahn zu laufen und zu fragen, ob jemand ein Exemplar kaufen will, und das hat als Verkaufsstrategie übrigens überhaupt nicht funktioniert. Die Leute wollen “beschäftigt” sein oder sind “beschäftigt” und man kämpft gegen Smartphones und Ohrstöpsel, um einen Funken Aufmerksamkeit.

Das brachte einen Teilnehmer auf die Frage, ob unsere Erfahrungen den Mitarbeitern der Motz helfen könnten einen Leitfaden für die Verkäufer zu entwickeln oder ob es sinnvoll wäre sich ehrenamtlich als (Verkaufs-)Mentor zu engagieren und Verkäufer zu schulen. Die Kommunikationsstrategien allein werden aber nicht alle Gründe der Abneigung, der potentiellen Käufer gegenüber dem Verkäufer überwinden können. Es bleiben Momente der Belästigung durch Geruch und Ungepflegtheit, wie es eine Teilnehmerin zu bedenken gab, oder Momente der Irritation durch Verwirrtheit und nicht “norm-konformen” Benehmens, wenn ein psychisch und physisch erschöpfter Mensch in seiner Not handelt.

Im Ergebnis war der Selbstversuch für mich eine Erfahrung, die mir helfen wird, menschlich geduldig zu bleiben. Die Fähigkeit sich in andere Menschen hineinversetzen zu können und der Wille, dies trotz aller Bedenken und Gegenargumente zu tun, sind für die Theaterarbeit weiterhin ganz entscheidend.