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Sustainable? Dramaturgy Conference Summary Day I -Was heißt hier nachhaltig?

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Sonnenaufgang in Berlin Kreuzberg
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Gespräch: Über den Tellerrand: Politik und Theater europaweit mit u. A. Omer Krieger, Madli Pesti und Wojtek Ziemilski.

Nachtkritik aus Kreuzberg. Das Schöne an einer Konferenz bei der viel mehr Angebote gemacht werden als mal wahrnehmen kann ist, dass man nie alles mitbekommt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit in meinem Fazit zum ersten Tag. Auch will ich mich kurz fassen und überspringe gleich mal die vielen Grußworte und den knappen historischen Rückblick. Das erste Format unter dem Titel World Café fand ich noch am kommunikativsten (deshalb auch am sinnvollsten?). Da traf man sich willkürlich in einer vierer Gruppe mit Leuten, die man noch nicht kannte (wenn man nicht geschummelt hat) zum kennenlernen und sprach locker über das Thema der Tagung.

Mit den Keynotes begann das lange zuhören. Ingolfur Blühdorn konnte man bei einem inhaltsreichen Vortrag zum Thema “Simulative Demokratie – Politisches Handeln im Zeichen der Post-Politik” gut folgen. Wenn ich das filtere war für mich wichtig, dass wir als Dramaturgen vielleicht doch nicht gut beraten sind, wenn wir sofort und ohne Verzögerung etwas tun wollen. Der Handlungsdrang sei löblich, aber bedenklich. Er geht soweit, dass unsere Demokratie gerade zu einer Belastungsprobe wird und wir uns in einer Vorkriegszeit befinden, wenn wir eingestehen das die bestehende Ordnung und unser Wohlstand nicht zu halten sind. Antworten, wie konkret seine Emanzipation zweiter Ordnung aussehen könnte hatte er nicht oder ich habe seine Thesen an dem Punkt nicht mehr verstanden. Das gleichnamige Buch könnte es wert sein, das nochmal nachzulesen.

Zum zweiten Keynote von Nikita Dhawan unter dem Titel “To Protest or Not to Protest? Dissident Politics and the Erotics of Resistance” kann ich nichts sagen. Ich habe nach 10 Minuten den Saal verlassen, weil Herr Blühdorn überzogen hatte (die Pause wurde entsprechend gestrichen) und ich Frau Dhawan, wegen des starken indischen Akzentes bei ihrem schnellen, runtergelesenen englischen Vortrag, auch trotz Mühe nicht folgen konnte. Ich brauchte wohl Sauerstoff und Kaffee.

Bei “Evros Walk Water” von Rimini Protokoll Infos zur Produktion findet man hier bin ich noch rein gerutscht. Das ist eine gut gemachte musikalischen Mitmachinstallation / auch Reenactment von John Cage’s Walk Water bei der Kinder einem über Kopfhörer von ihren Fluchtgeschichten erzählen. Zum Teil sehr bewegend, wenn man z.B. hört, dass die Boote unerwartet aufgeschlitzt werden, sobald ein Schiff in Sicht ist, obwohl einige Kinder an Bord nicht schwimmen können. (Es besteht die Pflicht zur Rettung in Seenot geratener Menschen und diese Tatsache nutzen die Schlepper .)

Dann ging es rüber zur Heinrich-Böll-Stiftung (kostenloser Kaffee, Äpfel, Kekse für uns schlecht bezahlte, denkende Köpfe – DANKE!!!) und das Gespräch “Über den Tellerrand: Politik und Theater europaweit” war gut. Ich würde mir mehr internationale Stimmen auf der Tagung wünschen, weil die Künstler/Innen in Polen, Israel, Russland etc. tatsächlich viel zum Thema sagen können/könnten. Die politische Stimmung neigt sich nach rechts und ist obendrein oft auch konservativ geprägt.

Das Format Tischgespräche war meine Enttäuschung schlechthin. Ich war an Tisch 1: Geflüchtete und Stadtgesellschaft – institutionelle und informelle Strukturen der Begegnungen in den Künsten. Miteinander gesprochen haben wir nicht. Vorgetragen haben die zwei Referenten fast so lange, bis die Zeit mal wieder um war. Arg. Berlin Mondiale kann man als gutes Modelprojekt nochmal googeln und sich zu Gemüte führen.

Wäre ich doch nur gleich zur AG Tanz gegangen. Dort war ich dann erst eine halbe Stunde vor Schluss und selbst das hat mir viel mehr gebracht als die vergangene Dreiviertelstunde am Tisch. Helena Waldmann sprach über ihre Arbeit “Made in Bangladesh” und hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit. Ich habe die Tanzproduktion leider noch nicht live gesehen, aber den Gedanken die Belastungen und die Ausbeutung der Näher/Innen mit denen zu vergleichen, denen sich Tänzer/Innen aussetzen, finde ich hoch aktuell. Sie fragte in der Diskussion auch, was heißt hier nachhaltig, wenn wir Tanzproduktionen im Staattheater nur fünf mal spielen und dann absetzen? Wo wir doch wissen, dass die Probenzeit für Tanzer/Innen körperlich und psychisch eine wahnsinnige Herausforderung und die größte Belastung ist. Die Probenzeit ist oft viel intensiver als die eigentlichen Vorstellungen, aber sie wir schlechter bezahlt. Sie arbeitet frei, weil man dann  viel leichter die Chance hat, weltweit auf Tour zu gehen und eine Produktion im besten Fall vielleicht 30 oder 50 mal zeigen kann. Außerdem sei es sehr wichtig zu reflektieren, wie eine Produktion sich verändert und warum sie – wo – welche – Reaktionen auslöst. Das gleiche Problem / Phänomen hat mir um 23 Uhr in den Sophiensaelen einen junge Tänzerin in einem anderen Zusammenhang auch beschrieben. Die gezahlten Probenpauschalen in der freien Szene sind problematisch, zumal man nicht weiß, wie erfolgreich eine Produktion werden wird und ob sich das Abarbeiten lohnen wird. Das Risiko tragen die Künstler mit.

Damit komme ich zum letzten Programmpunkt heute. Dem Besuch der Vorstellung “Schönheitsabend” von den Performancekünstlern Florentina Holzinger und Vincent Riebeek. Infos zur Produktion findet man hier. Körperlich gefüllt ein absoluter Kontrastpunkt zur Konferenzstimmung, gleichwohl es inhaltlich passt. Inspiriert von queeren Tanzpaaren aus dem frühen 20. Jahrhundert und in die heutige Zeit übertragen – Klassischer Tanz bis Poledance bis Softporno.  Kann man nicht beschreiben. Muss man sich ansehen! Überraschend, mutig, provokativ? In Berlin sicher nicht, aber in Kassel schon…und weil das sehr spezielle Publikum überwiegend knapp bei Kasse ist, gab es ein sehr leckeres Buffet.

Noch Fragen? Die Diskussionen sind eröffnet…

Kopie von 20160129_194240
Sophiensaele in Berlin

 

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